Beitrag vom Aktionstag - Das Lymphsystem 

Beitrag zum Workshop von Thomas Müller: „Begleitende Therapien nach der Erstbehandlung: Was ist möglich? Was steht uns zu? Wie setze ich es durch?“ Aktionstag am 18.05.2019 in Oberhausen, 13.30 bis 15.00 Uhr

1. Aufbau/Funktion 

2.  Behandlung bei Kopf-Hals-Betroffenheit

Teil 1

Um den Ablauf einer Behandlung besser zu verstehen ist es wichtig die Arbeitsweise, die Funktion und den Aufbau des Lymphsystems im Groben zu erläutern. 
Das Lymphsystem beginnt „blind“ im sogenannten Interstitium, dem Zwischenzellgewebe, mit handschuhfingerartig geformten Gefäßen aus glatter, also vom Willennicht beeinflussbarer Muskulatur,  deren Fingerspitzen quasi abgeschnitten sind und somit der Lymphflüssigkeit die Möglichkeit gibt dort einzufließen. Lymphe ist eine Flüssigkeit die sich aus Nähr- und Abfallstoffen aus dem Zellstoffwechsel zusammensetzt. Das Lymphsystem ist ein Einwegsystem, im Gegensatz zum Blutkreislauf. Die Lymphe wird aus der Peripherie über Lymphknoten und Lymphknotenketten in das Herz geleitet wo sie über die Leber verstoffwechselt wird. Wenn nun dieses „Abflusssystem“ durch Operationen, Radio- und/oder Chemotherapie oder andere  Umstände  geschädigt wird,  sind Stauungen bzw. Abflussstörungen die Folge. Ein intaktes und gut angelegtes Lymphgefässsystem kann dies bis zu einem gewissen Maß kompensieren. Entstehen jedoch Stauungen sollte man nicht zögern und Maßnahmen ergreifen die diesem Umstand entgegenwirken. Gerade im hier angesprochenen Bereich  können auch Atmung  und das Schlucken durch Ödeme beeinträchtigt sein. Dies muss nicht zwingend mit äußerlich sicht- und tastbaren Schwellungen einhergehen. Schlechte Stimmqualität kann durchaus auch auf Ödeme im Halsbereich zurückzuführen sein.  Dadurch ergibt sich nicht nur bei augenfälligen Ödemen, sondern auch bei Sprech- und Schluckproblematiken die Indikation zur manuellen Lymphdrainage respektive einer komplexen physikalischen Entstauungstherapie.  Wie eingangs schon erwähnt bestehen die Lymphgefäße aus glatter Muskulatur die zwar willentlich nicht, im Gegensatz zur Skelettmuskulatur, beeinflusst werden können aber dennoch auf äußere Reize reagieren. Durch die Lymphdrainage und die komplexe Entstauungstherapie werden der Lymphabfluss und die Tätigkeit des Systems angeregt, Stauungen werden schneller abgebaut und auf Dauer entstehen neue Gefäße und Leitungsbahnen. Dieser Prozess kann sich über Jahre erstrecken wobei der Erfolg der Entstauung  relativ rasch sicht- und fühlbar wird.

Teil 2

Im Groben baut sich die Behandlung eines Lymphödems immer gleich auf.  In erster Linie muss der Abfluss der Lymphflüssigkeit gewährleistet sein. Wie oben beschrieben, entsteht Lymphe in der Peripherie und zentralisiert sich. Faktoren die den Lymphfluss beeinflussen sind sie Atmung die einen Sog erzeugt, die Skelettmuskulatur die durch An- und Entspannung Druck auf die Lymphgefäße ausübt, die Eigenspannung der Lymphgefäße und der Druck des umliegenden Gewebes. Beim Aufbau der Behandlung sollten alle Komponenten,  die für das funktionierende Lymphgefässsystem relevant sind, Beachtung finden. Auf eine Atemtherapie wird von den meistenmPraktikern, meist aus Zeitmangel, gerne verzichtet. In der Akutphase nach einem
operativen Eingriff oder auch während einer Radio/Chemotherapie ist aber gerade durch eine adäquate (den Umständen angepasste) Atemtherapie eine Anregung des Lymphsystems möglich ohne schon direkt mit einer Drainage zu beginnen. Es gibt mittlerweile auf dem Markt geeignete Atemtherapiegeräte die auch für Halsatmer die Nasenstenose und Lippenbremse als Therapiemöglichkeit ersetzen können.  Mit einer Bauch- Bauchtiefdrainage sollte aber auf jeden Fall begonnen werden um das System anzuregen. Eine Regel in der physikalischen Medizin lautet: rege ich einen Teil des Systems zur Arbeit an, so rege ich auch alle anderen Teile an, nur nicht im gleichen Maß. Dies zur Erläuterung warum in der Peripherie begonnen werden sollte um den Lymphabfluss anzuregen. Als Beispiel dient hierbei der verstopfte Abfluss in der heimischen Küche; ist der Syphon von Verstopfungen befreit, fließt das gestaute Wasser meist direkt ab. Nach der Vorbereitung durch die o.g. Bauch/Bauchtiefdrainage kann mit der Behandlung der axillaren Region (Achsellymphgefäße) fortgefahren werden. Anschließend die subclaviculären Gefäße (über den Schlüsselbeinen). Erst
danach die seitliche Halsregion, der submandibuläre Bereich (entlang des Unterkiefers) und schlussendlich das Gesicht. Auch kann es durchaus sinnvoll und nützlich sein eine Mundinnendrainage in Anspruch zu nehmen. Hier werden der harte, und vorsichtig wegen eines eventuell provozierten Brechreizes, der weiche Gaumen sowie entlang der Zahnreihen behandelt. Zur Unterstützung der erfolgten Behandlung  und um die erhöhte Tätigkeit des Gefäßsystems über längere Zeit aufrecht zu erhalten werden,  z.B. Kompressionsbandagen und seit geraumer Zeit  physikalische Tapeverbände angewandt. (Anfrage beim Therapeuten). Die Behandlung sollte nicht weniger als 30 Minuten dauern, bei onkologischen Erkrankungen ist eine Behandlung von 60 Minuten nicht unüblich. Laut Heilmittelrichtlinie sind für die Erstverordnung 10, die Folgeverordnung ebenfalls 10 und eine Gesamtverordnungsmenge von 50 für den Regelfall vorgesehen. Darüber hinaus ist es momentan noch möglich, durch eine dementsprechende Verordnung des Arztes, auch außerhalb des Regelfalles weitere Therapieeinheiten verordnet zu bekommen. Diese „Verordnung  außerhalb des Regelfalles“ wird allerding momentan im gemeinsamen Bundesausschuss diskutiert und soll eventuell wegfallen

Autor: Thomas Müller, Physiotherapeut und Vorsitzender des Landesverbandes 
Rheinland-Pfalz der Kehlkopfoperierten